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Wenn die Bank zum Dorffest lädt

 

Zurzeit halten viele Raiffeisenbanken ihre Generalversammlung ab. Zahlen spielen dabei nicht die Hauptrolle. Wichtiger sind Essen, Tradition und Geselligkeit. Mörschwils Bankdirektor feierte dieses Jahr erstmals mit dem Volk.

Jetzt ist Felix Hugo nervös. In wenigen Sekunden wird er in der Sporthalle Seeblick am Rednerpult stehen und die Jahreszahlen präsentieren. Unten, auf Plastikstühlen, ist das halbe Dorf versammelt. 536 Genossenschafter fragen sich, wer der neue Bankleiter ist. Auf der Leinwand hinter Felix Hugo erscheint jetzt Felix Hugo in Grossaufnahme. Der Protagonist atmet ruhig, lächelt nun.

Bankleiter im Poloshirt

Der 48-Jährige hat sich in den vergangenen Tagen gut auf diesen Moment vorbereitet. Jeweils am Abend hat er zu Hause seine Rede einstudiert und war schon am Donnerstag vor der GV in der Halle. Mit Mitgliedern des Turnvereins stellte er Tische und Stühle auf. So verlangt es die Tradition bei Raiffeisen. Im Nu ist der neue Bankleiter mit sämtlichen Turnern per du. In einem ruhigen Moment stellt sich Hugo in lockerem Poloshirt auf die Bühne, malt sich aus, wie es sein wird, wenn die Halle voll ist. Von Nervosität ist in diesem Moment nichts zu spüren. Vielleicht, weil Felix Hugo weiss, dass es bei der Generalversammlung nicht in erster Linie um ihn geht. Auch nicht um Verwaltungsratspräsident Markus Schultz oder die Bilanz. An einer Raiffeisen-GV geht es in erster Linie ums Dorf, um die Genossenschaft, um das Wir-Gefühl.

Die Blasmusik spielt auf

Das wird bereits bei der Anreise deutlich. Eine Viertelstunde vor Türöffnung stehen rund 50 Personen vor der Halle. Felix Hugo reagiert und öffnet die Tür fünf Minuten zu früh. Eine Blasmusik spielt auf. Hugo und Schultz schütteln Hände, viele Hände, bis alle Gäste drin sind. Was Letzteren verborgen bleibt, ist die Arbeit, die hinter dem Anlass steckt. Beteiligt sind fast ausschliesslich Mörschwiler. Man will das im Dorf erwirtschaftete Geld auch wieder hier in Umlauf bringen, so das Credo.

Die beiden Dorfbäckereien liefern das Essen und achten dabei darauf, dass alles aus der Region kommt. Zu körperlichen Höchstleistungen fühlt sich offensichtlich Bäckermeister Beda Füger imstande. Er organisiert mit seiner Familie das Catering. Am Freitag musste er wie gewöhnlich um 2 Uhr aus den Federn und in die Backstube. Gleichentags um 20.30 Uhr plaziert er im Akkord Hunderte Pouletbrüstli auf Salattellern. Am Samstag um 2 Uhr muss Füger wieder in der Backstube stehen. Er werde bis dahin keine Minute schlafen, kündigt er guten Mutes an. Für seine Bäckerei ist die GV ein entscheidender Anlass. «Das Essen muss gelingen», sagt er. «Die meisten wissen nach der Versammlung nicht mehr, wie hoch die Bilanzsumme ist, aber ob das Essen geschmeckt hat, das weiss jeder.»

Hoher Stellenwert im Dorf

Die Raiffeisenbank hat in Mörschwil einen speziellen Stellenwert. Mit der Gemeinde ist sie vor einigen Jahren eine Art Symbiose eingegangen. Damals zog sie mit der Verwaltung ins gleiche Haus ein. Möglich wurde dies auch dank der engen Beziehung des Gemeindepräsidenten Paul Bühler zur Bank. Eine eigenständige Bank im Dorf ist ihm wichtig. Eine Bank sei vergleichbar mit einem Restaurant oder der Post. «Das gehört zur Grundversorgung.» Nicht zuletzt sei die Genossenschaft aber auch eine wichtige Steuerzahlerin. Selbstverständlich ist eine Situation wie in Mörschwil heute nicht mehr. Ähnlich wie die Post fördert inzwischen auch Raiffeisen Schweiz die Fusion von Genossenschaften. Schultz hat in seiner Rede nicht zuletzt auch deshalb dazu aufgerufen, die Dorfbank zu unterstützen.

Bleiben bis zum Schluss

Der neue Bankleiter Felix Hugo beginnt seine Präsentation am Rednerpult mit einem Eingeständnis. Er sei nervös, sagt er. Damit bricht das Eis. Kein einziges Mal stockt er. Seine erste GV als Bankleiter wird er geniessen. Um 3.30 Uhr verlässt Hugo als Letzter die Halle und schliesst ab. Auch das ist Tradition.

 

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